Instrumentengeschichte · Schönbach 1908
Der Bass, der die Hitze überstand
Ein Kontrabass von Albert Volkmann, ein langes Musikerleben in Essen und die Erinnerung an einen Brand im Zweiten Weltkrieg. Nicht jedes Detail ist noch beweisbar – doch Holz, Lack und Überlieferung erzählen gemeinsam von einem außergewöhnlichen zweiten Leben.
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Alte Instrumente kommen selten mit einer lückenlosen Akte. Sie kommen mit Zetteln, Stempeln, Reparaturen, Erinnerungen – und manchmal mit einer Geschichte, die sich tief in ihre Oberfläche eingeschrieben hat.
Dieser Kontrabass wurde 1908 von Albert Volkmann gebaut. Volkmann arbeitete damals in Schönbach im Egerland, einem der großen Zentren des mitteleuropäischen Instrumentenbaus. Ein historisches Instrumentenbauer-Lexikon nennt ihn für die Jahre 1906 bis 1925 als dort tätigen Spezialisten für Kontrabässe. Auch öffentliche Herstellerdatenbanken ordnen ihn Schönbach, dem heutigen Luby, zu.
Schon der Bass selbst wirkt nicht wie ein anonymes Gebrauchsinstrument. Der stark geflammte Rücken und die sorgfältig gezogenen Randeinlagen zeigen hohen handwerklichen Anspruch. Am oberen Rückenteil ist das Monogramm Albert Volkmanns deutlich sichtbar. Ein dokumentierter Vergleichsbass Volkmanns aus der Zeit um 1910 trägt sein Monogramm an derselben Stelle – ein charakteristisches Detail seiner Instrumente.


Der Weg ins Ruhrgebiet
Ein Instrument im Besitz eines Profis
Wie der Bass von Schönbach nach Essen gelangte, lässt sich heute nicht mehr lückenlos rekonstruieren. Nach der mündlichen Überlieferung aus dem Vorbesitz befand er sich dort in den Händen eines Berufsmusikers. Sein Name und sein Ensemble sind nicht dokumentiert; die konkrete Musikerbiografie bleibt deshalb offen.
Was sich dagegen sicher sagen lässt: Ein Kontrabass im professionellen Alltag ist kein stilles Sammlungsstück. Er wandert zwischen Proben, Aufführungen und Wohnungen, wird getragen, aufgestellt, gespielt und immer wieder angepasst. Kleine Kantenverletzungen, Gebrauchsspuren und Reparaturen sind nicht bloß Makel. Sie zeigen, dass das Instrument seinen Zweck über Jahrzehnte erfüllt hat.
Dieser Bass hat nicht nur Zeit überstanden. Er musste sich in ihr bewähren.
Die überlieferte Brandgeschichte
Eine Stadt im Feuer
Im Zweiten Weltkrieg soll der Bass in Essen in ein schweres Brandereignis geraten und großer Hitze ausgesetzt gewesen sein. Welche Nacht es war, in welchem Gebäude er stand und wie er gerettet wurde, ist nicht überliefert. Es wäre falsch, einen bestimmten Luftangriff nachträglich zur gesicherten Geschichte dieses Instruments zu erklären.
Der historische Hintergrund macht die Überlieferung jedoch nachvollziehbar. Essen war als Industriezentrum eines der am stärksten angegriffenen Ziele im Ruhrgebiet. Die Stadt dokumentiert 242 Luftangriffe; 90 Prozent der Innenstadt und 60 Prozent des übrigen Stadtgebiets wurden zerstört. Beim Großangriff vom 5. auf den 6. März 1943 entstand nach einem historischen Bericht ein kilometerweites Feuergebiet, dessen Brände noch zwei Tage später nicht vollständig erloschen waren. Auch der alte Saalbau, das Zentrum des Essener Konzertlebens und Vorläufer der heutigen Philharmonie, wurde 1943 zerstört.
Literarische Annäherung · keine dokumentierte Szene
Vielleicht stand der damals schon mehr als dreißig Jahre alte Bass in einer Musikerwohnung, vielleicht in einem Probenraum. Erst kam die Hitze, dann Rauch. Lack wurde weich, die Oberfläche dunkel und unruhig. Ob jemand das große Instrument noch durch ein Treppenhaus trug oder es erst nach dem Brand geborgen wurde, wissen wir nicht. Vorstellen lässt sich nur der Moment danach: Ein Musiker vor seinem beschädigten Arbeitsinstrument – und irgendwann die Entscheidung, es nicht aufzugeben.

Hitze, Lack und Wiederherstellung
Eine zweite Haut
Nach der überlieferten Geschichte hatte die Hitze den Lack des Kontrabasses stark verändert. Konservatorisch ist grundsätzlich bekannt, dass hohe Temperaturen Lackschichten erweichen, aufwerfen, verfärben oder verkohlen können und dass Rauch zusätzlich hartnäckige Ablagerungen hinterlässt. Am einzelnen Instrument lässt sich daraus allein jedoch kein bestimmtes Brandereignis beweisen.
Bei diesem Bass war der Zustand der Oberfläche offenbar so weit verändert, dass Teile des Lackes später wiederhergestellt beziehungsweise neu aufgebaut werden mussten. Wann das geschah, wer die Arbeit ausführte und wie viel der ursprünglichen Oberfläche erhalten blieb, ist nicht dokumentiert. Deshalb wäre auch die Bezeichnung „Originallack“ für den heutigen Gesamtzustand zu pauschal.
Gerade darin liegt der besondere Charakter des Instruments. Sein heutiger goldbrauner Ton ist keine unberührte Zeitkapsel. Er ist das Ergebnis aus ursprünglicher Arbeit, extremer Belastung, jahrzehntelangem Gebrauch und späterer handwerklicher Rettung. Der neue Lack hat die Geschichte nicht ausgelöscht – er hat dafür gesorgt, dass sie weitergehen konnte.

Transparente Einordnung
Was wir wissen – und was überliefert ist
Am Instrument und in Quellen nachvollziehbar
- Der Bass wurde 1908 von Albert Volkmann in Schönbach gebaut.
- Volkmann ist für diese Zeit als Kontrabassbauer in Schönbach dokumentiert.
- Der heutige Zustand und die Spuren der Oberfläche sind fotografisch festgehalten.
- Volkmanns Monogramm ist am oberen Rückenteil deutlich sichtbar; ein dokumentierter Vergleichsbass trägt es an derselben Stelle.
Aus dem Vorbesitz überliefert
- Der Bass gehörte einem Berufsmusiker in Essen.
- Er geriet während des Zweiten Weltkriegs in ein Feuer beziehungsweise starke Hitze.
- Die Oberfläche wurde dadurch schwer verändert.
- Der Lack musste später teilweise wiederhergestellt oder neu aufgebaut werden.
Offen bleiben: Name des Musikers, Gebäude und Datum des Brandes sowie Zeitpunkt, Umfang und Ausführender der Lackrestaurierung.
Mehr als die Summe seiner Originalteile
Bei historischen Instrumenten wird gern gefragt, was noch „original“ sei. Die Frage ist wichtig, aber nicht die einzige. Ein Instrument kann repariert, verändert und neu lackiert worden sein – und trotzdem als klangliches Werkzeug, handwerkliches Zeugnis und Träger einer Biografie bedeutend bleiben.
Der Volkmann-Bass von 1908 erzählt keine makellose Geschichte. Er erzählt eine bessere: von professionellem Gebrauch, von Verlust, von einer nicht mehr vollständig rekonstruierbaren Rettung und von der Entscheidung, ein beschädigtes Instrument nicht aufzugeben.
Quellen und Einordnung
Die Angaben zu Essener Besitzer, Brand und Lackwiederherstellung beruhen auf der mündlichen Überlieferung zum Instrument. Die historischen und instrumentenkundlichen Hintergründe wurden mit folgenden öffentlich zugänglichen Quellen abgeglichen:
- MCMI / Tschechisches Nationalmuseum: Herstellerdatenbank
- Violin & Bow Makers Dictionary: Albert Volkmann
- Dokumentierter Vergleichsbass Albert Volkmann, um 1910
- Stadt Essen: Chronik 1934 bis 1945
- Gebäudemanagement der Stadt Essen: Geschichte von Saalbau und Philharmonie
- Historischer Bericht zum Luftangriff vom 5./6. März 1943
- Canadian Conservation Institute: Auswirkungen von Feuer, Hitze und Rauch auf Lackschichten