Instrumentengeschichte · Markneukirchen 1967
Der Bass aus der stillen Wohnung
Ein Kontrabass von Johannes Rubner, gefunden bei einer Wohnungsauflösung in Berlin. Sein Zustand war schlecht, seine Geschichte fast verloren – bis im Inneren ein Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1982 auftauchte.

Wenn eine Wohnung aufgelöst wird, verlieren die Dinge ihren Zusammenhang. Möbel werden getragen, Schubladen geleert, Papiere sortiert. Und manchmal steht zwischen all dem ein Instrument, das zu groß ist, um übersehen zu werden – aber dessen Geschichte niemand mehr erzählen kann.
Dieser Kontrabass wurde 1967 von Johannes Rubner in Markneukirchen gebaut. Der Werkstattzettel im Inneren ist eindeutig: „Johannes Rubner · Meisterwerkstatt für Kontrabässe · Markneukirchen“, darunter das handschriftlich eingetragene Baujahr. Auch der Rubner-Schriftzug am oberen Rücken ist klar sichtbar.
Johannes Rubner, Jahrgang 1925, erlernte das Handwerk bei Meister Otto Rubner und legte 1959 seine Meisterprüfung ab. Ein Ausstellungskatalog von 1978 führt ihn als staatlich anerkannten Meister des Kunsthandwerks. Der Bass entstand damit in einer Werkstatttradition, die tief in Markneukirchen verwurzelt war – in jener vogtländischen Stadt, in der Instrumentenbauer, Mechanikmacher, Saitenhersteller und Musiker über Generationen voneinander lebten.


Der Berliner Fund
Was bleibt, wenn eine Wohnung leer wird
Viele Jahre später stand der Bass in einer Berliner Wohnung. Wer ihn gespielt hatte, wie lange er dort schon wartete und warum er schließlich verstummte, ist nicht mehr bekannt. Überliefert ist nur der Moment seines Wiederauftauchens: Bei der Auflösung der Wohnung wurde er gefunden – in einem Zustand, der eine gründliche Reparatur notwendig machte.
Die heutigen Aufnahmen zeigen das Instrument nach diesen Arbeiten. Kanten, Lack und Zargen tragen noch immer Kratzer, Druckstellen und Abrieb. Sie wurden nicht wegretuschiert, denn solche Spuren gehören zu einem Arbeitsinstrument. Welches Teil geöffnet, geleimt, gerichtet oder ersetzt werden musste, wurde nicht schriftlich festgehalten. Sicher ist: Der Bass bekam seine Stabilität und seine Stimme zurück.
Zwischen Dingen, deren Besitzer nicht mehr antworten konnten, stand ein Instrument, das noch etwas zu sagen hatte.

Das Papier im Resonanzkörper
Eine Nachricht aus dem Jahr 1982
Im Inneren des Basses lag ein alter, gefalteter Zeitungsausschnitt aus der Zeit vom 8. Oktober 1982. Die Überschrift war noch deutlich lesbar: „Ohne Trommeln und Fanfaren“. Der Beitrag führte mitten hinein in einen historischen Machtwechsel der Bundesrepublik – von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl.
Nur wenige Tage zuvor, am 1. Oktober 1982, war erstmals ein Bundeskanzler durch ein erfolgreiches konstruktives Misstrauensvotum abgelöst worden. Warum gerade dieser politische Text in dem Instrument aufbewahrt wurde, bleibt ein reizvolles Rätsel: War er dem früheren Besitzer persönlich wichtig, markierte er einen besonderen Tag – oder wurde das Papier ganz bewusst im Resonanzkörper verborgen?

Reparatur und Rückkehr
Ein Instrument wieder ins Gleichgewicht bringen
Ein Kontrabass steht permanent unter Spannung. Saiten, Steg, Decke, Stimmstock, Hals und Korpus müssen als System zusammenarbeiten. Wird ein Instrument lange ungünstig gelagert oder nicht gepflegt, kann mehr nötig sein als ein neuer Satz Saiten. Offene Leimfugen, ein verzogener Steg oder eine falsche Einstellung können Stabilität, Ansprache und Spielbarkeit beeinträchtigen.
Welche dieser Arbeiten bei diesem Rubner im Einzelnen ausgeführt wurden, ist nicht überliefert. Auf den Fotos ist jedoch der Zustand nach seiner Rückkehr zu sehen: vier Saiten, eine eingerichtete Mechanik und ein heller Steg mit dem Stempel „W. J. Stegmüller“. Der Bass ist kein Fundstück mehr, das auf seine Entsorgung wartet, sondern wieder ein Musikinstrument.



Transparente Einordnung
Was belegt und was überliefert ist
Am Instrument belegt
- Johannes Rubner baute den Bass 1967 in Markneukirchen.
- Werkstattzettel und Rubner-Schriftzug sind deutlich sichtbar.
- Der heutige Zustand nach der Reparatur ist fotografisch dokumentiert.
- Der Bass besitzt vier Saiten und einen Steg mit Stegmüller-Stempel.
Zum Fund überliefert
- Der Bass wurde bei einer Wohnungsauflösung in Berlin gefunden.
- Er befand sich in schlechtem Zustand und musste repariert werden.
- Im Korpus lag ein erhaltener Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1982.
- Der Artikel „Ohne Trommeln und Fanfaren“ behandelte den Regierungswechsel von Schmidt zu Kohl.
Offen bleiben: Name des früheren Besitzers, Berliner Adresse, der Grund für die Aufbewahrung des Zeitungsausschnitts sowie Zeitpunkt und genauer Umfang der Reparaturen.
Nicht entsorgt, sondern wieder gehört
Bei einer Wohnungsauflösung wird schnell entschieden, was bleibt und was geht. Ein beschädigter Kontrabass kann dabei wie ein sperriges Problem wirken. Dieser Rubner hatte Glück: Jemand sah nicht nur seinen Zustand, sondern auch seine Substanz.
Der Werkstattzettel bewahrte den Namen seines Erbauers. Der Zeitungsausschnitt bewahrte ein Stück deutscher Zeitgeschichte. Die Reparatur gab dem Instrument zurück, was Papier allein nicht festhalten kann: die Möglichkeit, wieder zu klingen.
Quellen und Einordnung
Fundumstände, früherer Zustand, Reparatur und der erhaltene Zeitungsausschnitt beruhen auf den Angaben zum Instrument. Erbauer, Baujahr und Merkmale sind fotografisch dokumentiert. Für den historischen Hintergrund wurden folgende Quellen herangezogen:
- Die Zeit vom 8. Oktober 1982: „Ohne Trommeln und Fanfaren“
- Deutscher Bundestag: Konstruktives Misstrauensvotum vom 1. Oktober 1982
- Exempla 1978 „Musik und Handwerk“: Kurzbiografie Johannes Rubner
- Rubner Markneukirchen: Firmengeschichte und Werkstatttradition
- Internationaler Instrumentalwettbewerb Markneukirchen: Geschichte
- Marko Ackert Kontrabassbau: dokumentierte Vergleichsinstrumente von Johannes Rubner